AG Wir Haben Genug: Wir haben genug – aber reicht das?

Wie kann es sein, dass der Reichtum in der Welt so verschieden verteilt ist, wo unsere Politiker*innen nicht aufhören, über eine „globale Welt“ zu reden? Und gleichzeitig denken und handeln sie nur in die eigene Tasche – nur für ihren Staat oder für die ganz private Tasche. Was wollen wir unter global verstehen? Pandemien können nur bekämpft werden, wenn sie international gedacht werden. Die Klimakatastrophe wird uns weltweit treffen, wenn hierbei nicht global gehandelt wird. Die gegenseitigen Abhängigkeiten zwingen zum Denken, Planen und Handeln für eine ganze Welt.

Genug für uns

Wir haben in Deutschland – und in den westlich geprägten Industriestaaten generell – mehr als genug. Wir haben viel zu viel. Deutsche Haushalte werfen jährlich Lebensmittel für 20 Milliarden Euro weg – so viel wie der Jahresumsatz von Aldi in Deutschland. Sollen wir uns das weiterhin leisten? Valentin Thurn hat für seinen Dokumentarfilm „Taste the Waste“ den Umgang mit Lebensmitteln international recherchiert und kommt zu haarsträubenden Ergebnissen. Jeder zweite Kopfsalat wird aussortiert, jedes fünfte Brot muss ungekauft entsorgt werden. Kartoffeln, die der offiziellen Norm nicht entsprechen, bleiben auf dem Feld liegen und kleine Schönheitsfehler entscheiden über ein Schicksal als Ladenhüter. In den Abfall-Containern der Supermärkte findet man überwältigende Mengen einwandfreie Nahrungsmittel, original verpackt, mit gültigem Mindesthaltbarkeitsdatum. Auf der Suche nach den Ursachen und Verantwortlichen deckt Thurn ein weltweites System auf, an dem sich alle beteiligen.(1)(2)(3)

Der Verbrauch an Lebensmitteln ist nur ein Bereich der sinnlosen, destruktiven Überproduktion. Der Konsum ist zu einem oder oft zu DEM sinnstiftenden Element im Leben vieler westlichen Menschen geworden. (4)

Beispiele:

  • Nach dem iPhone 4 müssen das iPhone 5, 6, 7… sofort her, obwohl nur von geringem Zusatznutzen
  • Die Bekleidungsindustrie erzeugt geschätzte 150 Milliarden Kleidungsstücke jährlich, folglich verursacht Kleidungjährlich 4% des Weltmülls, 92 Millionen Tonnen

Wir alle kennen unzählige Dinge, die nach kürzester Zeit ausgetauscht und weggeworfen werden. Außer uns Verbraucher*innen, die allzuleicht zu verführen sind, sich immerzu neue Dinge zu kaufen, die wir nicht wirklich brauchen, macht es unsere Regierung in Deutschland geradezu vor: mit Abwrackprämien, Wegsehen bei manipuliertem CO2-Ausstoß, Werben für Elektroautos, die letztendlich nicht weniger an Ressourcen verbrauchen, usw.. Und die Industrie erfindet immer neue Möglichkeiten, wie Dinge in noch kürzerer Zeit entsorgt werden müssen.

Doch ist Lebensqualität nicht eher eine gesunde Luft und Natur?

Brauchen wir nicht eher qualitativ gute Lebensmittel, langlebige Produkte, an denen wir uns freuen können, ein allen zugängliches Gesundheitswesen ohne Abstriche, Bildung, die allen Kindern eine Chance gibt, Teilhabe an Kultur und öffentlichen Einrichtungen ohne Schranken aus hohen Eintrittspreisen, Zeit für Muse und Nachdenken, Zeit für unsere Kinder und Alten, für Freunde…? Weniger ist oft mehr.

Demgegenüber steht die Aussicht auf eine drastische Erderwärmung, die wir als Menschen nicht aushalten können ohne Gesundheitsschäden. Das Kippen des klimatischen Gleichgewichts lässt die Erde verdorren, die als Ackerfläche für unsere Nahrungsmittel dann nicht mehr zur Verfügung steht, überflutet große Gebiete durch Tsunamis und verwüstet andere Landstriche durch Wirbelstürme. Verursacht wird dies hauptsächlich durch den CO2-Ausstoß und andere Emissionen infolge des hohen Energie- und Ressourcenverbrauchs.

Auch wenn nicht alles einfach geht: Es geht um ein besseres Leben für uns.

 

Genug für die Welt

Das Essen, das wir in Europa wegwerfen, würde zweimal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren. Rechnerisch. (Valentin Thurn). Der guten Botschaft, genug für alle zu haben, steht die Empörung gegenüber, dass die Wirklichkeit ganz anders aussieht.

Wie kann es sein, dass in den Ländern, die Nahrungsmittel so dringend brauchen, davon nichts ankommt? Gewiss sind die Gründe für Armut und Hunger vielfältig. Doch die exportorientierte EU-Agrarwirtschaft tut einen großen Teil dazu. Sie zerstört durch ihre Billigimporte die inländische Produktion in den Ländern des Südens und damit deren Lebensgrundlagen. Den Menschen fehlt dadurch dann auch das Geld, sich Nahrung zu kaufen – sie hungern. Warum tun die westlichen Staaten nichts dagegen? Der globale sogenannte „Frei“handel zwingt die Kleinbäuer*innen, die Fischer*innen, das Handwerk, und die oft erst im Aufbau befindliche Industrie in den ärmeren Ländern zur Aufgabe:

  1. Weil die Märkte der wenig entwickelten Staaten mit den Billigprodukten unserer Agrarindustrie überschüttet werden.
  2. Weil es den Ländern nicht erlaubt wird, laut der Freihandelsverträge, ihre landeseigenen Produzent*innen durch staatliche Maßnahmen (z.B. Zölle) zu schützen.

Freiheit soll also nur für Konzerne gelten: die Freiheit, ihre Regeln, ihre Vorteile, ihre Gewinne gnadenlos durchzusetzen. (5) (6)

Vorher schon wurden die armen Länder in eine Schuldenfalle gelockt. Von WTO, IWF, Weltbank und EU-Zentralbank wurden ihnen billige Kredite versprochen. Das geschah, obwohl diese großen weltweit agierenden Organisationen wissen konnten, dass die armen Staaten die Kredite würden niemals zurückbezahlen können. Die hohen Zinsen müssen sie dennoch begleichen bis zum heutigen Tag und in die Zukunft hinein – und sind ärmer als zuvor. Ein nächster Schritt war der globale Freihandel. Die armen Staaten – nun misstrauischer geworden – lehnten zunächst ab, wurden dann aber, indem die reichen Industriestaaten deren Produkte nicht mehr abnahmen, oftmals in die Freihandelsverträge gezwungen. Eine Falle nach der anderen. Während immer weiter Menschen an Hunger sterben oder krank werden und in sklavenähnlichen Verhältnissen leben und arbeiten müssen, vor allem Frauen und Kinder.

„Ein Kind, das heute verhungert, wird ermordet“

(Jean Ziegler, Soziologe, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung)

Es wird Zeit, dass die westlichen Staaten endlich mit ihrer unfairen (Kolonial-)Politik aufhören. Darf es den großen Konzernen und Banken, den weltweiten von den USA und der EU gesteuerten Organisationen weiter erlaubt sein, die Staaten im Süden zu knebeln, auszubeuten und in Armut zu halten für den eigenen Gewinn? Wir meinen: Es reicht!

 

Genug der Untätigkeit

  • Wir haben genug davon, dass Lobbyisten der Großkonzerne, Banken und Versicherungen den Rahmen bestimmen, in dem wir leben sollen, weil Politiker*innen zu gern auf sie hören, sich Gesetzestexte von ihnen schreiben lassen und vergessen, wozu sie gewählt sind, für wen und von wem.
  • Wir haben genug davon, dass unsere Ernährungsgrundlagen aufs Spiel gesetzt werden, indem durch den nicht aufgehaltenen Klimawandel immer mehr Anbauflächen für Nahrungsmittel verlorengehen durch Austrocknung der Böden oder Versalzung, weil der Meeresspiegel ansteigt. Ganz zu schweigen davon, dass die Menschen dort zunehmend zur Flucht gezwungen sind
  • Wir haben genug davon, dass bei uns die 3. Impfrunde beginnt, wo in Afrika nicht einmal 7 % nur 1 mal gegen Corona geimpft sind. Eine Pandemie ist im Gegenteil zu sogenannten alternativlosen „Wirtschaftsgesetzen“ wirklich global. Patentrechte können geändert werden.(7)
  • Wir haben genug davon, dass hierzulande unsere Lebensmittel zu einem großen Teil ungesund sind durch Überdüngung und hochgiftige Pflanzenschutzmittel im Grundwasser, im Fleisch durch routinemäßige Antibiotikagaben an Schweine, durch eine unkontrollierte Menge an Zusatzstoffen, durch Haltbarmachung mit allergieauslösenden Stoffen… Diese industrielle Landwirtschaft wird noch immer konstant mit staatlichen Zuschüssen gefördert. Wir brauchen Qualität statt Quantität!
  • Wir haben genug davon, dass von der Politik die wirklich großen, notwendigen Aufgaben nicht entschlossen in die Hand genommen werden und nicht nur in den Mund: allem voran die Klimakatastrophe abwenden.

… Die Aufzählung ließe sich fast endlos fortsetzen.

Fazit

Wenn sich die Menschheit nicht selbst den Boden unter den Füßen wegziehen will, wird sie einiges beachten müssen. Doch solange die Wirtschaft nicht gebremst wird in ihrem menschenverachtenden, ausufernden Gewinnstreben und der sich immer weiter steigernden Überproduktion von Wegwerfartikeln, gibt es auch kein Halten in der Verwüstung unseres Planeten. Letztendlich droht die Auslöschung der Menschheit.

Bleibt die Einsicht:
Es gibt keinen Planet B!

  • Wovon habt ihr noch genug? Schreibt den Politiker*innen, wovon es euch reicht.
  • In welcher Welt wollt ihr leben?
    Schreibt auch uns. Wir interessieren uns für eure Meinungen, am besten über unsere-Kommentar-Box unten.

Quellen

(1) attac-Broschüre „Der Klimawandel“, attac Stuttgart, 2018
(2) Food Waste und die Zukunft der Ernährung https://www.gilde.ch/de/magazin/artikel/food-waste-und-die-zukunft-der-ernaehrung/details/22
(3) Unsere Überschüsse machen uns kaputt https://www.heise.de/tp/features/Unsere-Ueberschuesse-machen-uns-kaputt-4001364.html
(4) Tim Jackson, in: „Wohlstand ohne Wachstum“
(5) Freiheit für wen? Eine Kritik des „freien Handels“ https://www.forumue.de/freiheit-fuer-wen-eine-kritik-des-freien-handels/
(6) Billige Nahrungsmittel und ihre Folgen: Die EU-Exportstrategie https://kritisches-netzwerk.de/forum/billige-nahrungsmittel-und-ihre-folgen-die-eu-exportstrategie
(7) medico Rundschreiben, 04/21, Editorial)

Bildnachweis: Pixabay

Nach der Corona-Krise: weiter so wie gehabt?

  • Weiter mit der stetigen Erwärmung des Klimas – was uns ein erträgliches Leben verunmöglichen wird?
  • Weiter mit dem Artensterben, das die Natur, von der wir leben, aus ihrem sensiblen Gleichgewicht bringt?
  • Weiter mit dem Stress und der Hektik, den menschenverachtenden Bedingungen in der Arbeitswelt?
  • Weiter mit den wenigen Superreichen, die nicht mehr wissen, was sie mit ihrem Geld anfangen können – und den vielen, die in die Armut abrutschen und den Armen, die immer ärmer werden?.

In unregelmäßigen aufeinanderfolgenden Beiträgen, wollen wir von der AG „Wir haben genug“ attac Stuttgart verschiedene Aspekte der aktuellen Problematik aufgreifen und zur Diskussion stellen. Beteiligt euch. Mischt euch ein. Eine andere Welt ist möglich!