AG Wir haben genug: Die Grenzen des Bevölkerungswachstums wahrhaben wollen – geht das auch anders als menschenfeindlich, barbarisch, inhuman?

Die Grenzen des Bevölkerungswachstums wahrhaben wollen – geht das auch anders als menschenfeindlich, barbarisch, inhuman?

So wie, um eine viel zitierte Formulierung von Marx aufzugreifen, das Geld die Königsware unter den Waren ist, so dürfen wir das Bevölkerungswachstum auf seinem Feld wohl als das Königswachstum ansehen. Nur logisch, dass es immer schon einer der bevorzugten Gegenstände auch von wachstumskritischen Erörterungen war. Seit die Thematik Bevölkerungswachstum vor nunmehr 200 Jahren von Malthus in den Blick gerückt wurde, sind um mögliche Wege zu seiner Begrenzung immer wieder leidenschaftliche, oftmals vergiftete, bisweilen menschenverachtende Diskussionen geführt worden. Es soll hier jetzt um die Abgrenzung von allen inhumanen und barbarischen Tendenzen in der Diskussion gehen und um einen menschenfreundlichen Zugang in der Tradition der emanzipatorischen Projekte der Aufklärung, des Frühsozialismus, des Femi-nismus, der Eine Welt-Bewegung und Globalisierungskritik, der solidarischen Ökonomie, kurz: all der Positionen, für die auch attac steht. (Vgl. Blog-Beitrag: AG Wir haben genug: Bevölkerungswachstum – das „Königswachstum“ unter den Wachstumsthemen?)

1. Jungbrunnen-Träume auf dem „transhumanen“ Pfad

Die Entfesselung der Produktivkraft „Wissen“ hat in den letzten Jahrzehnten ganz neue Aspekte in die Auseinandersetzung über Bevölkerungswachstum gebracht. Der Fortschritt im medizinischen Wissen und die Revolution in den landwirtschaftlichen Anbaumethoden haben, zumindest im globalen Norden, zu einer von den Möglichkeiten her immer besseren Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung und auch zu einer deutlichen Verlängerung der (auch globalen) Lebenserwartung geführt und damit für mehr Menschen auf der Erde gesorgt.

Es wachsen derzeit auffällig Begehrlichkeiten, die Lebensdauer mit neuen wissenschaftlichen Mitteln extrem auszudehnen. Das betrifft heute im Zeitalter von „Postmoderne“ und Globalisierung vor allem den weltweiten Aufstieg und die Visionen des sog. Transhumanismus.
In den Wahlkämpfen der jüngsten Zeit waren Plakate einer „Partei für schulmedizinische Verjün-gungsforschung“ zu sehen, auf denen der Slogan stand: „Wo willst du in 800 Jahren leben?“ Wird da ein Jungbrunnen versprochen? Soll man die vermessenen Erwartungen dieser „Schulmedizin“ nur zynisch verstehen, oder kann die Fähigkeit zur Selbstreparatur als grundsätzliches Kennzeichen des Lebens wirklich so weit gehen? Wird es eines Tages möglich sein, das Le-bensende derart hinauszuschieben?

Und weiter: Ist die gegensätzliche Position zum Problem des Bevölkerungswachstums zweier der bekanntesten Unternehmerpersönlichkeiten der Gegenwart, Bill Gates und Elon Musk, nur Stoff für Verschwörungstheorien, oder wirft sie in alarmierender Weise ein Licht auf einen Scheideweg hinsichtlich Selbstverständnis und Zukunft unserer Spezies Mensch? Der eine plant angeblich den „Big Reset“, mit dem er die Menschheit unter Zurücklassen der „Überflüssigen“ halbieren möchte, der andere prophezeit als „Transhumanist“ ein Zeitalter „nach dem Menschen“, in dem die Künstliche Intelligenz den Menschen ablöst, zu dessen Wegbereitung und Ermöglichung es aber wiederum mehr Bevölkerungswachstum braucht.

Um auf den Boden der Realität zurückzukommen: Die Selbstreparaturfähigkeit des Lebens kennt sehr wohl die Grenzen des Wachstums, in ihren ganz natürlichen ökologischen Zusammenhängen, in denen alles „Zuviel“ stets vermieden wird durch ein rechtzeitiges „Genug“. „Leben ist ihre schönste Erfindung und der Tod ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben“, so Goethe im Essay „Die Natur“ (1782). Auch ein kluges afrikanisches Märchen weiß um diese Zusammenhänge und konfrontiert die Menschen mit der Wahlmöglichkeit: wenn sie ewig leben wollten, müssten sie kinderlos bleiben. Die Afrikaner*innen haben der Legende nach das Leben mit Kindern gewählt.

2. Lernen aus finsterer Vergangenheit: Rassismus und Aktion T4 („Vernichtung lebensunwerten Lebens“)

Welches Ausmaß Inhumanität und Barbarei im Zusammenhang der Kritik oder gar Bewertung von Bevölkerungswachstum in scheinbar gefestigten Zivilgesellschaften annehmen können, zeigt exemplarisch unsere eigene NS-Vergangenheit. Gleich zu Beginn der Nazi-Herrschaft, noch vor den Nürnberger Rassegesetzen (1935), wurde schon 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen, das Zwangssterilisation von vermeintlich genetisch Kranken forder-te und gestattete, ergänzt 1935 durch das „Ehegesundheitsgesetz“. So waren dann 1939 auch Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung die ersten Opfer der Kranken- und „Eutha-nasie“-Morde, die in bestürzend schneller Folge in Tötungsanstalten wie dem württembergischen Grafeneck – hier bis Ende 1940 allein 10000 Ermordete! – begangen wurden. Sie stellten die „Generalprobe“ für den Betrieb der monströsen Vernichtungsmaschinerien von Auschwitz und den anderen Todeslagern dar, der 1941 nach der Wannseekonferenz einsetzte.

Die Einmaligkeit von Auschwitz als ultimativem Zivilisationsbruch, der selbstverständlich auch die Ermordung der behinderten Menschen mit einbezieht, steht außer Frage und bleibt als immerwährende menschheitsgeschichtliche Warnung vor dem Antasten von menschlichem Leben bestehen. Bezeichnend ist aber: Die Verwicklung von Medizin und Wissenschaft in das Verbrechen wurde nur sehr langsam aufgearbeitet. Auch heute wird der Wissenschaft oft vorauseilend Sachkompetenz und Vertrauensvorschuss eingeräumt, wenn sie sich zur Bevölkerungspolitik äußert. Sind wir möglicherweise wieder bald so weit, diesmal im neuen Gewand der technischen Machbarkeit? Ist das die andere Seite von immer längerem Leben?

3. Alternative Wege

Angesichts der Herausforderungen, wie sie in Gestalt von Klimawandel, Energiehunger der K.I., Rückgang der Artendiversität, Bedrohung der globalen Ernährungssicherheit u. v. a. vor uns stehen, müssen uns deshalb alternative Wege und Auswege einfallen, wie wir ein gemeinsames Überleben aller Menschen in ihrer zumindest lt. unserem Grundgesetz als unantastbar garantierten Würde realisieren können. Da fallen Begriffe ein wie Soziale Liebe, neue Gerechtigkeit, Solidarmodelle, Wiederaneignung, aber auch Rückgriffe auf emanzipatorische Erwartungen und Träume. Stand nicht hinter Marx‘ Klassenkampfvoraussagen als Ziel das erfüllte Leben „freier Produzenten in freier Assoziation“, mit „morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben, nach dem Essen kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne jemals Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden“? Steht uns nicht nach wie vor das lateinamerikanische „buen vivir“ zu, ergänzt durch die „joie de vivre“ einer frei entfalteten Kunstausübung und -verwirklichung je-des/jeder einzelnen?

Öffnen wir uns dieser im Wesentlichen vor allem durch Wachstumsumkehr zu verwirklichenden Zukunftszuversicht. Der Weg führt über die Abkehr von der Herstellung von immer mehr Produkten für den schnellen Verbrauch, er führt über die Einstellung von landwirtschaftlichem Flächenverbrauch für die Gewinnung von Bodenschätzen, er führt grundsätzlich über eine sinnvolle Anpassung unserer Wirtschaftsweise. Begegnen wir so im Selbstbewusstsein unserer Einzigartigkeit als Menschen den Gefahren des Transhumanismus, vertrauen wir auf das Versprechen im Wahlspruch von attac: Eine andere Welt ist möglich!

Exkurs: Gunnar Heinsohn

Der Soziologe Gunnar Heinsohn hat Ende der 1970er Jahre einen Erklärungsversuch unternommen, wie im Verlauf der Geschichte es wohl zu den wechselweise „pragmatischen“, aber menschenfeindlichen, und den erklärtermaßen menschenfreundlichen Einstellungen unterschiedlicher Kulturen zum Leben gekommen sein könnte. Er hat hierzu auf das Verbot der Kindstötung als kulturelles Alleinstellungsmerkmal im institutionellen Judentum und später dann im auf der jüdischen Religion basierenden römischen Staats-Christentum hingewiesen. Das ganze Mittelalter über setzte sich das Christentum langsam gegenüber vorchristlichen Traditionen in der ethischen Bewertung der Reproduktion von Bevölkerung durch, bis Inquisition und Rationalität um 1500 den Sieg über Weise Frauen, „Ketzer“- und libertäre Bewegungen davontrugen. Heinsohn vermutete, dass die im Untergrund weiter bestehenden Unterschiede in der Wertschätzung des Menschenlebens als absolut hohem oder eben nicht hohem Gut Auswirkungen in Form von verhängnisvollen „Traditionslinien“ bis hinein in die inhumane Menschenfeindlichkeit der Todesmaschinerie von Auschwitz hatten, in der das Judentum als Repräsentant der expliziten Menschenfreundlichkeit vom neuheidnischen, menschenfeindlichen Nationalsozialismus vernichtet werden sollte und in entsetzlicher Weise auch wurde. Auffällig ist, dass Heinsohns zunächst breit rezipierte Theorie in jüngster Zeit wissenschaftlich immer häufiger in Frage gestellt oder negiert wird.

Bildnachweis:

Eigenes Bild

Quellen:

Das Klima, Corona, Flucht- und Armutsmigration, die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und anderswo:
unsere Zukunftshoffnungen sind stark beschädigt. Jetzt immer weiter so?

  • Weiterschreiten in Richtung eines „Transhumanismus“?
  • 800 Jahre leben, andere Planeten besiedeln, die Erde als Trümmerhaufen zurücklassen?
  • Dürfen wir aus Desillusion die Verantwortung für die kommenden Generationen aufgeben?
  • Die vielen, die hier und im Globalen Süden in die Armut abrutschen, die Armen, die immer ärmer werden, im Stich lassen?…

In unregelmäßigen aufeinanderfolgenden Beiträgen, wollen wir von der AG „Wir haben genug“ attac Stuttgart verschiedene Aspekte der aktuellen Problematik aufgreifen und zur Diskussion stellen.
Beteiligt euch. Mischt euch ein. 

Eine andere Welt ist möglich!