AG Wir haben genug: Angst – ein schlechter Ratgeber
Sicherheit durch militärische Stärke? Angst als Wachstumsmotor? Zwei Unglücksbringer
„Angst ist ein schlechter Ratgeber.“ Diese Binsenweisheit gehört wohl zum universellen Wortschatz der Menschheit. Sie beschreibt die Gefahr, die im Angesicht der Bedrohung schon in Frühzeiten vom Aufgeben rationalen Verhaltens und der Konzentration auf das Wesentliche für die Gruppe ausging. Zahlreiche Beispiele aus der Geschichte der Menschheit illustrieren, wie Lähmung, kopflose Flucht, oder auch blind überzogener Gegenangriff und Aufrüstung aus Angst den Untergang von Gesellschaften zur Folge haben konnten. Dies setzte oftmals eine Spirale der Überrüstung in Gang und schadete der eigenen Gemeinschaft genauso wie dem Gegner. Die Erinnerung an vergleichbare Situationen, das Behalten des kühlen Kopfs wiesen in solchen Situationen meist den richtigen Ausweg. Nüchterne Analyse, Nachdenken und abwägendes Zögern wendeten in aller Regel die Gefahrenlage.
Überhaupt: Zögern, weniger tun, weniger werden, oft auch nichts tun, ist das nicht angesichts eines entfesselten Kapitalismus und endlicher Ressourcen die eigentliche Herangehensweise und als zumindest erste Reaktion angemessen? Eine Abwendung vom Zwang zum Wachstum (Postwachstumsökonomie) vertritt zusammen mit der Degrowth/Decroissance-Bewegung (Ziel: Wachstumsbegrenzung) unsere attac Stuttgart-AG „Wir haben genug“. Genau diese, aus der Sicht von Wachstumskritiker*innen einzig vernünftige Praxis wurde durch die im März 2025 vom eigentlich schon abgewählten deutschen Bundestag beschlossenen monströsen Rüstungsausga-ben und gigantischen „Sonder(schulden)vermögen“ konterkariert. Getrieben sind die Beschlüsse von tatsächlicher oder herbeigeredeter Angst vor gleich zwei Popanzen: Angst vor militärischer Bedrohung durch Russland, und Angst vor dem Niedergang einer Volkswirtschaft, die sich zu lange auf fossile Energie und auf ihre koloniale Überlegenheit als der „Westen“ verließ.
Seit gut 20 Jahren folgt eine Krise unmittelbar der nächsten. Das erzeugt dementsprechende (Verlust)ängste und entspannt sich scheinbar wieder, sobald die Politik das inzwischen berühmt-berüchtigte „Whatever it takes“ (Ex-EZB-Präsident Mario Draghi), d. h. auf jeden Fall die schran-kenlose Ausweitung der Wirtschaft zugunsten eines gesteigerten Wachstums ins Spiel bringt. Es war in der Finanzkrise das Versprechen, ins Blaue einzuspringen für den Fall, dass der Totalzu-sammenbruch des Bankensystems drohte, Es war während der Coronakrise die Absicherung vor der Masseninsolvenz in einer immerhin ausgebremsten Wirtschaft. „Whatever it takes“ bedeutet in der jetzigen „Sicherheitskrise“ die Öffnung aller Schleusen zur Mobilisierung von Kapital und Finanzströmen für die Produktion von Waffen im realen Sektor. Der in Jahrzehnten Neoliberalismus entstandene, von Ökonomen immer mit Sorge beobachtete enorme Überhang von weltweiten Finanzströmen (Börse) gegenüber Warenströmen mag so zwar gemindert werden. Wird aber nicht dadurch das wirtschaftliche Gesamtvolumen noch mehr aufgebläht? Wie so oft in der Geschichte hat eine nicht zukunftsfähige Wirtschaftsweise ihre Zuflucht zur Investition in Rüstungsgüter genommen. Mit Glück endet diese Art der Investition auch dieses Mal nicht im Gebrauch bzw. Verbrauch dieser Güter, wie es in zu vielen Phasen von Hochrüstung der Fall war. Dazu muss aber Angst überwunden werden, dazu muss in einem gehörigen Maß wieder Vernunft einkehren.
Das Umfallen der kritischen Stimmen muss erschrecken
Zur Klarstellung: Wenn wir hier von Angst sprechen, ist darunter Unterschiedliches zu verstehen. Einmal ist damit das wirkliche psychologische Moment gemeint, das Nobelpreisträger wie Daniel Kahnemann oder Richard Thaler seit langem als das entscheidende Motiv individuellen wirt-schaftlichen Handelns erkannt haben. Gemeint ist aber auch die Angst, die geschürt und zur Einflussnahme auf Wahlen und für das interessengeleitete Sammeln demokratischen Rückhalts in Parlamentsentscheidungen genutzt wird, wie wir es in Deutschland gerade durch das Ende einer Regierung und die vorgezogenen Neuwahlen erlebt haben. Tatsächliche und interessengeleitete Angst also, bei frei flottierender Interpretation der Faktenlage.
In der aktuellen Situation allgemein gesteigerter Unsicherheit ist es verwunderlich und besonders enttäuschend, wie nun stets zuverlässig wachstumskritische Stimmen wie die von Ulrike Her-mann und Harald Welzer, oder die des betagten Grandseigneurs der Soziologie Jürgen Haber-mas sang- und klanglos die Seiten wechseln.
Versuchen wir eine Erklärung am Beispiel Ulrike Hermann: Bei aller scharfsinnigen positiven Erwägung der realen Möglichkeit einer wachstumsfreien Wirtschaft, wie sie von ihr verdienstvoll und überzeugend vorgebracht wurde, kennt man auch ihre Versessenheit auf die britische Kriegswirtschaft im 2. Weltkrieg als Beispiel eben einer solchen wachstumsfreien Wirtschaft. Sie leitet aus Churchills Kriegswirtschaft vor dem Hintergrund der ganz realen Bedrohungslage durch die militärische Aggression des faschistischen Deutschlands die Ehrenrettung einer Planwirt-schaft ab, die auf dem regulierten Zusammenwirken von staatlichen und privaten Initiativen fußt. Durch diese Planwirtschaft kann die ökonomische Gesamtaktivität klein gehalten werden, ein gewisses Maß an Mangel ist einkalkuliert, also: temporäre Wachstumsumkehr. Funktionieren konnte das bis in die Nachkriegsjahre hinein. Auch aus Deutschland kennt das die ältere Genera-tion noch: genau zugeteilte Berechtigungsmarken, ohne die nichts gekauft werden konnte. Dass Ulrike Herrmann jetzt die massive Aufrüstungswelle bejaht, mag daher verständlich sein, ist aber grundsätzlich zu hinterfragen, da sie die wachstumstreibenden Faktoren daran mit in Kauf nimmt.
Harald Welzer hat sich zu Beginn des Ukrainekriegs mehrfach ablehnend zur Weiterführung des Kriegs, gegen Waffenlieferungen und für Verhandlungen ausgesprochen. Er ist mit seiner wis-senschaftlichen Herkunft aus dem Erinnerungsdiskurs, seinen Forschungen zur Tradierung von Täter-/Opferrollen und -erzählungen, zur jeweils eigenen Familiengeschichte im Thema Getriebensein von Angst wahrnehmbar verortet, sieht darüber hinaus die existentielle Bedrohung durch den Klimawandel als das hauptsächliche globale Problem, das im Vordergrund steht, und das wir nur durch internationale Kooperation lösen können. Für dieses Ziel ist jede militärische Auseinan-dersetzung kontraproduktiv, so mag seine Befürwortung einer wirklich nur zu Verteidigung die-nenden Rüstungssteigerung zu erklären sein. Selbst wenn diese kriegsverhindernd wirkt: ökologische und Klimaschäden, wie sie gerade im Sektor Militär entstehen, berücksichtigt er anschei-nend zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt nicht.
Im Fall von Jürgen Habermas ist zu bemerken, dass er, ähnlich wie auch die beiden vorgenannten, vor allem auf den eingeschlagenen neuen Sonderweg der USA reagiert und sich in seinem aktuellen Essay „Für Europa“ (Gastbeitrag in der SZ 21.03.2025) nun für eine gemeinsame Auf-rüstungsanstrengung der EU ausspricht. Man kann den Eindruck haben, dass Herrmann, Welzer und Habermas den eventuellen Wegfall der USA als militärischer Verbündeter ein Stück weit begrüßen, um endlich die Forderung nach mehr europäischer Selbständigkeit platzieren zu können. Hier macht sich vielleicht noch immer ein überkommenes tiefes antiamerikanisches Ressentiment aus der Zeit 1968ff. bemerkbar, das seinerzeit die Atomwaffenstationierung vor Augen hatte, durch die die Auslöschung Europas drohte. Habermas‘ Ausführungen weisen mit der Forderung einer gemeinsamen, zentralistischen europäischen Sicherheitspolitik zudem eine antiföderalistische, strategisch groß denkende Tönung auf, die sich wie der Antiamerikanismus als Merkmal durch das Denken seiner Generation zieht. Das alles ist zumindest irritierend.
attac hat sich seinerzeit 2005 vehement gegen solche im damaligen EU-Verfassungsvertragsentwurf enthaltene Militarisierungstendenzen gewehrt. Doch derzeit sind auch innerhalb von attac die Standpunkte zu Aufrüstung und Waffenlieferungen kontrovers. Im Gegensatz dazu hat die AG „Wir haben genug“, und nun auch beim Thema koordinierte Aufrüs-tung, in ihren Blog-Beiträgen oft genug auf die das überbordende Wachstum einhegende Eigenschaft kleinteiliger Wirtschaftseinheiten hingewiesen („Small is beautiful“).
Die Größenordnung des Schadens wird verkannt
Um uns herum sehen wir bei aufmerksamem Hinsehen einen Technologisch-Industriellen Komplex sich etablieren, Nachfolger des ab Mitte des 20. Jhdts. die Weltwirtschaft beherrschenden Militärisch-Industriellen Komplexes. Digitalisierung, KI, vernetzte Waffentechnologien bis hin zu autonomen Drohnen, ungeahnte Möglichkeiten der Überwachung des Einzelnen haben das Internet vom anfänglichen Versprechen einer herrschaftsfreien Diversität, wie es seinen Pionieren wie Stewart Grand vorschwebte, um Lichtjahre weit entfernt. Wir sollten uns immer bewusst sein, dass wir an einer kritischen Stelle in einem seit längerem ablaufenden Transformationsprozess stehen. Das Gefühl von Ausgeliefertsein trägt zur angsterfüllten Wahrnehmung der Situation bei, genauso wie die Sorge, dass durch die totale Automatisierung Arbeits- und Lebenszusammenhänge, wie wir sie kannten, in Zukunft wegfallen werden, und mit ihnen der Zusammenhalt unserer Gesellschaften.
Verkannt werden in der Diskussion um massive Aufrüstung die sprichwörtlich jedes menschliche Maß sprengenden Dimensionen der Explosivität moderner High Tech-Waffen. Sie können ziel-genau jeden einzelnen treffen und zerfetzen. Das Ziel der Auflösung und Vernichtung des Einzelnen ist geradezu ihre neue Qualität, geschehe sie nun in Drohnenangriffen oder in über Satelliten koordinierten Massenbombardements. Es fehlt ein in Sich Vergegenwärtigen dieses Vernichtungspotentials, das uns noch viel näher gerückt ist als das von Atomwaffen – auch wenn deren Rückkehr als taktische Atomwaffen in unverantwortlicher Weise gerade ebenfalls im Chor herbeigeredet wird. Die eigentliche Angst sollte sich auf die fürchterliche Effektivität der neuen Waffen richten, ein Bewusstwerden hierüber könnte vielleicht zu einem Nach- und Umdenken inmitten aller Aufrüstungswut führen. So wie „lustvolle“ Allmachtsphantasien, wie sie Horst Eberhard Richter seinerzeit im Diskurs um Atomwaffen auf die Erkenntnisebene heben konnte, in der Zeit der Hochrüstung Anfang der 1980er Jahre zu einem selbstkritischen Nachdenken und Innehalten bewegen konnten, könnte vielleicht gerade das geschilderte Allunterlegenheitsgefühl die Menschen in der heutigen Situation zur Gegnerschaft gegen alle Zumutungen wachrütteln.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Deshalb sei abschließend auf die Beobachtungen Rutger Bregmanns in seinem Bestseller „Im Grunde gut“ hingewiesen, dem aufgefallen ist, dass Menschen aus einer Art Grundoptimismus unserer Spezies heraus eigentlich immer in der Lage sind, alles Gefahrvolle, Beängstigende nur so weit an sich heranzulassen, dass wir dennoch positiv handlungsfähig bleiben (Tipp: Rutger Bregmann, Im Grunde gut, Berlin 2021)). Das macht Hoffnung.
Wie können wir in diesem multiplen Krisenmodus zu einem rationalen Verhalten mit kühlem Kopf zurückkehren?
Was meint ihr? Ist „Small is beautiful“ eine reale Handlungsoption?
Das Klima, Kriege, Terror, Hass, Gewalt, Ausbeutung, Armut, Flucht… Unrecht überall. Jetzt „Weiter so“?
Weiter mit der stetigen Weiterentwicklung von High Tech-Vernichtungswaffen?
Weiter so mit dem Ausnützen des Faktors Angst für Rüstungsproduktionssteigerung?
Weiter mit der ewigen Rüstungsspirale, die das Prinzip Kapitalismus immer neu befeuert?
Weiter mit der Belastung des Klimas durch den gewaltigen CO2-Ausstoß des Militärs weltweit?
In unregelmäßig aufeinanderfolgenden Beiträgen wollen wir von der AG „Wir haben genug“ von attac Stuttgart verschiedene Aspekte der aktuellen Problematik aufgreifen und zur Diskus-sion stellen. Beteiligt euch. Mischt euch ein. blog.attacstuttgart.de
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